Medizinischer Beirat

Allergene Zutaten erkennen und deklarieren – Interview mit Frau Prof. Dr. med. Barbara Ballmer-Weber, Mitglied des medizinischen Beirats von Service Allergie Suisse

Seit dem 1. Januar 2014 ist die neue Verordnung des Eidgenössischen Departements des Inneren (EDI) über die Kennzeichnung und Anpreisung von Lebensmitteln in Kraft. Jede enthaltene allergene Zutat muss damit für den Konsumenten klar ersichtlich und eindeutig deklariert sein. Das Schweizer Allergie-Gütesiegel baut auf diesen Grundsätzen auf und geht noch einen Schritt weiter. Durch eigene branchenspezifische Reglemente wird sichergestellt, dass ein zusätzlicher Mehrwert an Sicherheit und Information gegenüber den gesetzlichen Vorschriften gewährleistet ist. Dass die Überprüfung der Inhaltsstoffe in Lebensmitteln eine echte Herausforderung ist, zeigt ein Blick auf die Arbeit von Frau Prof. Dr. med. Ballmer-Weber.

Frau Prof. Ballmer-Weber, wie sieht Ihre Vorgehensweise aus, wenn Sie die Rezepturen auf allergische Inhaltsstoffe untersuchen?
Zunächst sichte ich sämtliche mir zugestellten Unterlagen. Danach schaue ich ob bei diesem neu zu bewertenden Produkt die Anforderungen der spezifischen Reglemente der Service Allergie Suisse erfüllt sind und wie deren Einhaltung gewährleistet wird. Es ist erforderlich, dass die mir zugeschickten Unterlagen vollständig sind, denn nur dann kann die Qualität des Produktes hinsichtlich seiner Sicherheit für den Allergiker beurteilt wurden. Wichtig ist die höchst mögliche Verlässlichkeit eines Produktes für den Allergiker. Ebenso achte ich auf die vorgesehenen Auslobungen und falls bereits vorhanden, auf die Verpackungsvorlage. Des Weiteren prüfe ich auch, ob aufgrund der Herstellung oder der Rezeptur eines Produktes die Gefahr einer Kreuzkontamination besteht und ob resp. wie diese kommuniziert wird.

Gab es schon einmal eine Rezeptur, die sich als eine echte Herausforderung für Sie darstellte?
Es besteht immer dann eine Herausforderung, vor allem wenn die Unterlagen oder die Dokumentation vom Hersteller nicht vollständig oder ungenügend sind. Ein Fall ist mir jedoch in Erinnerung geblieben, dabei ging es um ein glutenfreies Produkt. In der Literatur wurden unterschiedliche Angaben über die Verträglichkeit einer Zutat für Patienten mit Glutenintoleranz angegeben und auch die Expertenmeinungen unterschieden sich. Hier stehe ich natürlich vor einer Herausforderung, da Konsumentinnen und Konsumenten davon ausgehen, dass die zertifizierten Produkte von Service Allergie Suisse besonders gut verträglich sind. Tendenziell entscheide ich mich in solchen Fällen für die Sicherheit des Patienten, damit die Betroffenen sich auch wirklich auf die Verträglichkeit der über Service Allergie Suisse zertifizierten Produkte verlassen können.

Mussten Sie schon ein Produkt ablehnen und warum?
Ja, das kam auch schon vor. Wenn die vollständige Erfüllung der Anforderung aus der Dokumentation nicht ersichtlich oder mangelhaft beschrieben ist, könnte das Produkt eventuell nicht sicher sein. So kommt es schon mal vor, dass die Auflagen erst mit dem Hersteller geklärt werden müssen.

Die Zahl der von einer Allergie oder Intoleranz Betroffenen wächst stetig. Wie stufen Sie die Bedeutung des Allergie-Gütesiegels ein?
Lange hatte ich nichts von Betroffenen über das Gütesiegel gehört. Mittlerweile sprechen uns in den Sprechstunden vor allem Personen mit einer Intoleranz auf die Produkte an und sind dementsprechend dankbar, dass es diese gibt. Immer mehr Menschen, ob betroffen oder nicht, achten auf ihre Ernährung und schliessen z. B. Gluten gänzlich aus ihrem Speiseplan aus. Für die Konsumenten bietet das Allergie-Gütesiegel eine wichtige Orientierungshilfe. Die Patienten fühlen sich – besonders durch die Zusatzinformationen auf der Verpackung – gut informiert und verlassen sich auf die Deklaration.

Was würden Sie Betroffenen raten, wenn sie auf ein unzertifiziertes Produkt zurückgreifen müssen?
Grundsätzlich ist jeder Hersteller gesetzlich zur genauen Deklaration der Zutaten und entsprechend der Allergene verpflichtet. Dennoch kann es immer wieder vorkommen, dass es Verunreinigungen gibt. Allergikern rate ich deshalb bei Unsicherheiten, nur eine kleine Menge eines solchen Produktes zu sich zu nehmen. Wenn die Patienten kurze Zeit später ein Jucken im Mund oder Rachen verspüren, sollten  sie dieses Nahrungsmittel lieber nicht verzehren. Für Menschen mit einer Intoleranz kann ein kontaminiertes Produkt auch Auswirkungen haben, diese sind aber nicht unmittelbar lebensbedrohlich.


Frau Prof. Ballmer-Weber, wir danken Ihnen recht herzlich für Ihre so wichtige Arbeit und dass Sie sich die Zeit genommen haben uns einen kurzen Einblick in Ihre spannende Tätigkeit zu geben.

 

         

Frau Prof. Dr. med. Barbara Ballmer-Weber ist Chefärztin des Fachbereichs Allergologie der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie am Kantonsspital St. Gallen. Sie ist Mitglied des medizinischen Beirats von Service Allergie Suisse. In diesem Rahmen überprüft sie die Rezepturen der zu zertifizierenden Produkte auf deren Mehrwert für Menschen mit Nahrungsmittelallergien oder Nahrungsmittelintoleranzen.